Allora, ancora una volta:
GIAN MARIA TESTA - Altre Latitudini -
Der Poet mit der roten Fahne
Mit seiner fünften CD «Altre Latitudini» ist Gianmaria Testa aus dem Piemont ein weiteres Meisterwerk gelungen!
Obwohl er heute in Frankreich der beliebteste Cantautore ist, hat er seine Arbeit am Bahnhof von Fossano noch nicht aufgegeben: Der Bahnangestellte Gianmaria Testa verführt mit Liedern aus einer kleinen Welt, die für eine kurze Ewigkeit durch die Liebe gross wird.
Würden die italienischen Eisenbahnen ihn am Lautsprecher des Mailänder Bahnhofs einsetzen – ein Riesenchaos wäre die Folge. Längst entsorgte Träume weckt Gianmaria Testa mit seiner abgründigen dunklen Stimme. Kinder und Ehemänner ständen plötzlich verlassen da, Manager würden ihre Laptops liegen lassen und ihr ganzes Geld aufwerfen, um ein einfaches Billett für ihre Station Sehnsucht zu ergattern.
Doch der Bahnangestellte mit der verführerischsten Stimme ist abseits der grossen Bahnhöfe im Einsatz. In Fossano arbeitet Gianmaria Testa . Jahrelang schwang er dort, an der Linie Turin-Nizza, die rote Fahne, und notierte in der freien Zeit seine Beobachtungen aus einem unspektakulären Alltag, der nur vom Glanz der grossen Welt erhellt wurde, wenn die internationalen Schlafwagen wegen eines Erdrutsches umgeleitet wurden.
Die Liebe des Glühwürmchens
Heute ist der 44-Jährige in Frankreich ein Star, der im Olympia vom französischen Publikum frenetisch gefeiert wird und auch in seiner Heimat langsam entdeckt wird. Vielleicht lag es an der Ähnlichkeit seiner dunklen verlorenen Stimme mit jener von Paolo Conte, der auch aus dem Piemont stammt, dass die Italiener Testa erst nicht gross beachteten. Trotz der Affinität zu Conte ist es Testa aber gelungen, seine Canzoni mit einem unverwechselbaren Timbre zu prägen: Bereits sein erstes Album «Mongolfières» (1995) war ein Erfolg, nachdem er am Festival von Recanati 1993 und 1994 den ersten Preis gewonnen hatte und von der französischen Produzentin Nicole Courtouis Higelin entdeckt worden war. Und mit der vierten CD, «La valse d’un jour» schaffte er 2001 dann den grossen Durchbruch. Mit wenigen Worten und Gedanken legiert Testa seine wunderbaren Miniaturen aus einer kleinen Welt, die durch die Liebe für eine kurze Ewigkeit ganz gross wird. Eine herbsüsse Vergänglichkeit illuminiert seine Zeilen, als wäre ihm das, was er der Liebsten sagen wollte, immer erst eingefallen, als vom Zug, mit dem sie wegfuhr, nur noch das Schlusslicht sichtbar war. In diesem sanften Licht schimmern auch die Lieder seines fünften Albums «Altre Latitudini» (MV). «Ich habe nur das Beste von dir», singt er und skizziert mit einem Sommerfoto, auf dem die Angebetete ihn nicht anschaut, und den Liedern, die sie nicht singt, eine Liebeserklärung abseits aller Klischees.
Testa weiss um das Unsagbare und fürchtet die ganz grossen Gefühle samt dem dazugehörigen Scheitern nicht. Dafür lässt er auch mal ein Glühwürmchen ausfliegen, das sich in die Sonne verliebt, oder einen Stern sich fragen, ob die Liebe nicht einfach nur ein Spuk des Herzens ist. Sanft verschieben sich in Testas unspektakulärem Kosmos die Breitengrade (latitudini), welche die Liebenden trennen, und fast wird ein Glück möglich. Dank einer simplen Taxifahrt: «Wenn wir ein Taxi nehmen, ist das wie ins Ausland fahren», singt der Bähnler, der einst in Paris als junger Mann zum ersten Mal ein Taxi benutzte.
Angezogen hat dieser poetische Minimalismus eine ganze Reihe hochkarätiger Musiker von Enzo Rava bis Gabriele Mirabassi. Mit Trompete, Akkordeon, Klarinette und Kontrabass nehmen sie die jazzige Fährte der kargen Melodien auf und verdichten ihre Verlorenheit mit sprödem Trotz, bevor sie sie häufig in tangohafter Wehmut auflösen.
Vian und Brassens im Repertoire
Seit frühester Kindheit ist Testa , der Bauernsohn, mit dem Tango vertraut. Nach Argentinien wanderten einst die Piemonteser aus und brachten neben dem bisschen Geld auch noch ein paar neue Melodien mit. Es ist dieser leise, von der Volksmusik aufgesaugte Bandoneon-Groove, der in den Melodien mitschwingt. Wie wichtig für Testa seine heimatliche Welt ist, belegen aber nicht nur diese Tangosprenkel. Testa hat bis heute seinen Job bei den italienischen Staatsbahnen nicht ganz aufgegeben. Mit seinen Kumpeln von der Bahn sei er einfach lieber zusammen als mit Künstlern, verriet er kürzlich. Zwar schwingt er nicht mehr tagtäglich die rote Fahne, sondern überwacht am Computer die Bahnstrecken, wenn sein Tourneeplan es erlaubt.
Die rote Fahne hält Testa , der Gewerkschafter, aber in seiner Freizeit immer noch hoch. Weil er seit seiner militanten Jugend der Meinung ist, dass die Reichen den Armen nicht alles wegnehmen dürfen. Politische Texte über die Ungerechtigkeit dieser Welt sucht man in seinen Liedern aber vergeblich. Ihm sei einfach noch kein politisches Lied gelungen, erklärt Testa , der dafür Boris Vians «Deserteur» oder George Brassens’ «Gorille» im Repertoire hat und zu jenen Linken gehört, für die das Private immer auch politisch ist. Auch Berlusconi hat noch keinen Song abbekommen, obwohl der Bahnarbeiter Testa wegen der Rentenpolitik des Cavaliere bis heute nicht weiss, wann er pensioniert wird. Wunderschönes Cover!
