Ein Wochenende ohne Familie = Hörvergleich SE vs. OTL

Hier gehts nur um Verstärkung, egal welcher Art.

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baja
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Registriert: Mi 12. Okt 2005, 18:08

Ein Wochenende ohne Familie = Hörvergleich SE vs. OTL

Beitrag von baja »

Hallo zusammen,
ein Wochenende ohne Familie = eine Gelegenheit, den lange anvisierten, detaillierten Hörvergleich zwischen Single Ended (2x 845) in Class A, ohne Feedback gegen OTL (8x 6C33C-B) in PP, Class AB zu starten.
Beide Konzepte haben klangliche Vorzüge, was mich jedoch reizt, ist eben der "direkte" Vergleich der Philosophien bei "nahezu" identischen Bedingungen. "direkt": ist natürlich ein wenig übertrieben, berücksichtigt man die Aufwärmphasen der Geräte, so dass sich zwischen den einzelnen Hörproben natürlich eine gewisse zeitliche Distanz einschleicht, in deren Gepäck die begrenzte Halbwertzeit unseres auditiven Gedächtnisses lauert. Und "nahezu": der einzige Unterschied in der Aufstellung waren die Lautsprecherkabel, da die einen nicht lang genug und die anderen wiederum zu steif sind. Aber subtrahiert man die Klangbeeinflussung durch die jeweilige Kabelcharaktersitik, sollten dennoch grundsätzliche Unterschiede hörbar bleiben - ohne nun allzuviel vorwegzunehmen ...

Zur Konfiguration:
Lautsprecher: Audioplan Konzert MKII
Quellgeräte: Einstein CDP und McIntosh MR67 (1. Version)
Verstärker:
NAF 845 SE Special Edition mit 2 x 25 Watt an 8 Ohm (Netzkabel Audioplan, Signalkabel Symphonic Line Reference, LS Kabel Tokho P1)
Silvaweld OTL Tube Reference Monos, je 100 Watt an 8 Ohm (Netzkabel Audioplan, Signalkabel Symphonic Line, LS Kabel Audioplan LS16) (Pre: Silvaweld 1000RC BFA)

Tonträger:
Tri Continental Live; Sophie Zelmani: Sing and Dance; St. Germain: Tourist; Nor Elle: Phantom of Life; Motorbass: Pansoul; Sandy Dillon: Pull the Strings; The Oscar Petterson Trio: We Get Requests; Johnny Hartman: The Complete Gus Wildi Recordings; Gitte Haenning: Mets the Francy Boland Kenny Clarke Big Band; Ray Brown/Laurindo Alemeida: Moonlight Serenada; Jeff Beck: Who Else; The Naim Sampler 1 u. 2; Gainmaria Testa extra-muros; Antonio Forcione: Live; Nana Mouskouri in New York; Petra Magoni & Ferruccio Spinetti (div.); Portishead: Roseland NYC live; Reinhard Mey: Flaschenpost; KOOP: Koop Island; Massive Attack v. Mad Professor und letztlich Dresner Kreuzchor/Gothart Stier: Warum ist das Licht gegeben.

Den Start hat der NAF gemacht. Nach gut einer Stunde ist das Gerät vollkommen durchgewärmt und man kann die Lautstärke aufdrehen. Wobei ich mit Ausnahme der Chormusik und dem Bachstück die 9 Uhr-Stellung nicht überschreiten muss. Beeindruckend sind vor allem akustische Instrumente und deren Übergang zu Stimmen. So scheint sich Testa bisweilen in die Finger zu schneiden an den Seiten. Die Bühne bei Forcione rückt beängstigend nach vorne und Spinettis Spiel trägt nicht unbedingt zur Blutgerinnung bei. Nachteilig werden die für 25 Watt schier unglaublichen Muskel des NAF dagegen bei elektronischer Musik. Feindynamik wird überdeckt von manchmal all zu tiefen Bassläufen. Gleiches gilt für Bigband-Musik. Die Trennung zwischen ruhigeren und aufbrausenden Passagen ist bisweilen zu prägnant, so dass der Eindruck entsteht, das Stück wäre im cut & paste Verfahren eingespielt worden. Bei Chormusik dagegen, vor allem die eher langsamen Übergange in ihrer romantischen Spielart, gestaltet der NAF die Aufstellung der Sänger und ihreren Umgebungsraum geradezu greifbar. In der Summe faszinierend bleibt die Leichtigkeit mit der das SE Konzept akustische Instrumente in die tiefsten Bahnen verfolgt und vor allem tiefere Männerstimmen mit hohem Gänsehautfaktor vermittelt.

Nun die OTL Monos:
Die Verstärkerkombi hat nach gut einer halben Stunde Betriebstemperatur. Vorher ist kein Signal zugeschaltet. Im Gegensatz zum absolut geräuschlosen NAF, verursachen die OTL einen leichten Brummton am Trafo (die LS sind still), der bautechnisch bedingt ist. Der Ton tritt jedoch bei eingeschaltetem Signal völlig in den Hintergrund. Die Lautstärke schaltet sich über Reinsilberkontakte und Einzelwiderstände in linken und rechten Kanal getrennt von 0:0 bis 53:53. Die Stellung 15:15 bietet mit der bereits oben erwähnten Ausnahme eine geeignete Lautstärke.
Nach der Naf-Sitzung nun als erstes Phänomen, dass man geneigt ist, an den OTL einen Knopf/Hebel zu suchen, um die restlichen 70 Watt pro Kanal manuell zuzuschalten. Will sagen: Subjektiv wirken die OTL Watt weniger muskulös als die SE Watt. Zu dieser Vermutung mag jedoch vor allem der wirklich fundamentale Unterschied in den Bassverläufen verführen. Etwa bei Reinhard Mey oder Ganmaria Testa, scheint sich die Stimmlage der Sänger geändert zu haben, zwar fehlt es ein wenig an Gänsehaut, dafür wirken sie ausgeruhter. Elektronische Musik offenbart Details und Klangtüfteleien, die zuvor nicht da waren. Insgesamt rückt die Bühne nach hinten, leicht nach oben und gewinnt an Breite. Ein immer schwierig zu reproduzierendes Instrument wie das Klavier / der Flügel hat plötzlich eine Feindynamik, die Anschläge und Schwingungen kristallklar und dennoch belebt erscheinen lässt.
In der Summe wird die affektive Emotionalität, das sich bereitwillige Mit-Reißen-Lassen des SE, bei den OTL reduziert und in einen eher zurückhaltenderen, enspannteren Modus überführt. Anders formuliert, ohne allzu viel Pathos: Der SE verstärkt jugendlich, ungestümer, mitreißend und frontaler, sympathisch sich ruhig auch mal ein paar Ungenauigkeiten zu Gunsten der Spielfreude leistend. Die OTL sind ausgeglichener und irgendwie weiser. Ohne langweilig oder gar analytisch zu werden, verstärken sie ein geradezu holographisches, magisches Klangbild und legen größten Wert auf klare, unglaublich differenzierte Höhen und Dynamik, von der man bislang nicht geahnt hat, dass es sie überhaupt gibt.

Auch wenn es einen Vergleich gab, bleiben die Beurteilungen von Sieger - Verlierer letztlich aus. Denn beide Konzepte zeigen keine wirklichen Defizite. Sie sind einfach anders und dabei individuell so authentisch, dass der Wunsch nach einer Mittellösung unglaubwürdig wäre. Vielmehr entsprechen sie jeweils treffend Gemütslagen oder persönlicher Verfasstheit und korrespondieren zu einem Spektrum an Erwartungen, Wünschen und Vorstellungen, das allein an reproduzierte Musik gerichtet werden kann. Für den dauerhaften Betrieb würde ich den OTL den Vorzug geben - für das temporäre, lustbetonte Hören dem SE Konzept. Doch das alles ist natürlich rein subjektiv. Hat man erst einmal die Geräte wieder ausgeschaltet, setzt Ruhe ein - und ist nicht auch die Stille ein Raum der Erkenntnis?






SE gestern Abend
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OTL gestern Abend
[IMG:640:480]http://img187.imageshack.us/img187/5182 ... eindt7.jpg[/img]

At all nach der Nacht
[IMG:640:480]http://img167.imageshack.us/img167/9506/test1zh5.jpg[/img]
Zuletzt geändert von baja am So 4. Mär 2007, 19:04, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitrag von nordlicht »

baja, ein schöner Bericht hat sicherlich Freude zum einen, Erfahrung zum anderen für Dich - neben der Mühe des Schreibens - gebracht. Für uns interessante Infos und gehaltvollen Lesestoff.
Viele Grüße aus der PlönerSeeRegion

nordlicht
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